AfA aktuell · Rubrik 6

Humanitäre Lage

Gruppe von Frauen in blauen Burkas wartet vor einer Mauer, im Hintergrund ein Mann mit Papieren
Foto: Faruk Tokluoğlu / Pexels

Die humanitäre Situation in Afghanistan hat sich im Jahr 2026 zu einer der schwersten Krisen weltweit zugespitzt. Internationale Beobachter sprechen von einem permanenten, fatalen „Gleichgewicht der Hungersnot“: Punktuelle Hilfslieferungen verhindern zwar das unmittelbare Massensterben, halten die Bevölkerung jedoch in einer dauerhaften, elenden Abhängigkeit auf niedrigstem Versorgungsniveau.

Historischer Höchststand der Armutsquote

  • Abhängigkeit und Kürzungen: Bereits 2023 verfügten 62 % aller Haushalte über kein ausreichendes Budget für Lebensmittel. Im Jahr 2026 ist die Armut tiefer verankert als je zuvor. Haupttreiber sind drastische internationale Hilfskürzungen – die UN-Hilfsgelder für Afghanistan brachen 2025/2026 um 16,5 % ein – gepaart mit anhaltenden Dürreperioden und dem unkontrollierten Zustrom von Millionen Rückkehrern.
  • Leben im existentiellen Nichts: Aktuell können drei von vier Menschen – rund 28 Millionen Personen – aus eigener Kraft ihre Grundbedürfnisse wie Nahrung, sauberes Wasser, Heizmaterial und Kleidung nicht decken (UNDP 2026).
  • Verschuldungsspirale: Über 82 % aller afghanischen Haushalte sind extrem hoch verschuldet, da sie Kredite aufnehmen müssen, um Nahrungsmittel zu beschaffen und akute Hungerphasen zu überstehen (UNDP 2026).

Grassierende Ernährungsunsicherheit und Unterernährung

Der winterliche Magerzeitraum (Lean Season) hat die Krise im Jahr 2026 dramatisch verschärft. Die Zahl der Menschen in akuter Ernährungsunsicherheit stieg auf 17,4 Millionen – das entspricht rund 36 % der gesamten Bevölkerung.

Besonders verheerend trifft die Krise der Auszehrung (Wasting) die vulnerabelsten Gruppen der Gesellschaft:

  • 3,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren leiden aktuell unter akuter Unterernährung.
  • 1 Million Kinder davon befinden sich in der akuten Zone schwerer, unmittelbar lebensbedrohlicher Unterernährung (Severe Acute Malnutrition – SAM).
  • 1,2 Millionen schwangere oder stillende Frauen sind akut unterernährt, was zu einem drastischen Anstieg von schweren medizinischen Komplikationen bei Geburten und in den ländlichen Kliniken führt.

Der Zusammenbruch der sozialen Sicherheitsnetze

  • Überlastung der Familienstrukturen: In der Historie Afghanistans fingen traditionelle Familien- und Stammesnetzwerke staatliche Krisen, Kriege und Naturkatastrophen ab (u. a. durch gezielte Heiratsstrategien oder Migration). Die anhaltende wirtschaftliche Auszehrung im Jahr 2026 hat diese Netze brechen lassen.
  • Erschöpfte Ressourcen: Da fast alle Haushalte simultan verarmen und sämtliche Ersparnisse aufgebraucht sind, existieren keine Ressourcen mehr für gegenseitige Unterstützung.
  • Isolation der Rückkehrer: Über 92 % der aus dem Ausland zurückgekehrten Familien berichten, dass sie keinerlei familiäre oder gemeinschaftliche Hilfe bei der Beschaffung des Nötigsten vorfinden, da die lokalen Netzwerke schlichtweg kollabiert und völlig überlastet sind (UNDP 2026).

Quellen

  • BAMF – Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2026): Länderreport Afghanistan – Wirtschaftliche und humanitäre Lage, Stand März 2026, 16. April 2026, S. 21. ecoi.net
  • ZEIT – DIE ZEIT (2026): Einer Million Kinder in Afghanistan droht Tod wegen Unterernährung. August 2026. zeit.de
  • TG – The Guardian (2026): Five years into Taliban rule, Afghanistan plunges into a state of collapse – visualised. theguardian.com
  • IRC – International Rescue Committee (2026): Five years since the Taliban took control of Afghanistan humanitarian need is at a record high as the response collapses. rescue.org
  • UNDP – United Nations Development Programme (2026): Afghanistan Socioeconomic Review. Press release “Record population returns, drought and aid cuts push Afghanistan further into crisis”. undp.org