AfA aktuell · Rubrik 8

Die veränderte Rolle der Olama (Religionsgelehrte)

Blaue Moschee in Mazar-i-Sharif mit Minarett und gefliester Fassade, davor Menschen auf dem Vorplatz
Foto: Qasim Mirzaie / Pexels

In der politischen Geschichte Afghanistans spielten religiöse Akteure, insbesondere die offiziellen Träger des Islam – die sogenannten Olama (Religionsgelehrte) –, eine weitreichende Rolle. Als zentrale Instanz bei der Meinungsbildung und politischen Orientierung der Bevölkerung waren politische Eliten stets bestrebt, die Zustimmung der Olama für ihre Regierungsentscheidungen zu gewinnen (Poya 2012).

Historisch agierten sie meist als moralische Kontrollinstanz im Hintergrund. Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 hat sich diese Rolle jedoch fundamental verkehrt: Die Olama sind zur absoluten Staatsmacht aufgestiegen.

Historischer Rückblick: Instrumentalisierung und moralische Kontrolle

Obwohl die Olama beträchtlichen gesellschaftlichen Einfluss ausübten, wurden sie historisch formell eher als moralisch-religiöse Kontrollinstanz und nicht als eigenständige, direkt regierende politische Macht betrachtet (Poya 2012). Dennoch wurden sie von weltlichen Herrschern immer wieder für politische Maßnahmen instrumentalisiert – oft im Widerspruch zu islamischen Prinzipien:

Porträt von Amir Abdurrahman Khan

Amir Abdurrahman Khan (1881–1901): Bekannt als der „Eiserne Emir“, stützte sich der Herrscher gezielt auf Fatwas regierungstreuer Olama, um religiöse und ethnische Minderheiten staatlich zu verfolgen (Poya 2012; Daudzai 2016). Einige dieser Gelehrten befürworteten im Zuge dessen sogar die Enteignung religiöser Stiftungen (Poya 2012).

Historisches Porträt von König Amanullah Khan in Uniform

Amanullah Khan (1919–1929): Dem Reformkönig fehlte im Gegensatz dazu die Unterstützung der traditionellen Geistlichen (Poya 2012). Seine liberalen Reformpläne – darunter das Verbot der Sklaverei, die Gewährung von Religions- und Meinungsfreiheit sowie die Schulpflicht für Mädchen – wurden von einflussreichen Gelehrten wie Fazl Omar Mojaddadi (Hazrat-e Shur Bazar) vehement als unislamisch deklariert (Poya 2012; Daudzai 2016). Die durch diese religiöse Agitation ausgelösten Volksaufstände führten schließlich zu Amanullahs gewaltsamem Sturz (Poya 2012).

Gegenwartskontext: Die totale politische Verschmelzung seit 2021

Nach der erneuten Machtergreifung der Taliban hat sich das historische Verhältnis ins Gegenteil verkehrt. Die Olama wurden von einer beratenden oder kontrollierenden Instanz zum exklusiven Fundament der staatlichen Exekutive, Legislative und Judikative (Cambridge 2025).

Aufstieg zur absoluten Staatsmacht

Die traditionelle Trennung zwischen weltlicher Elite und religiöser Instanz wurde vollständig aufgehoben. An der Spitze des Islamischen Emirats steht der Amir al-Mu’minin (Führer der Gläubigen), Hibatullah Akhundzada. Er ist selbst einer der ranghöchsten religiösen Rechtsgelehrten des Landes und stand zuvor dem Ulema-Rat der Bewegung vor (BBC 2016; AFI 2026). Seine Dekrete besitzen absolute Gültigkeit.

Institutionalisierung über Ulema-Räte (Shura-e Ulema)

In allen Provinzen Afghanistans wurden mächtige, formelle Räte aus Klerikern etabliert. Diese Gremien greifen direkt in den Alltag der Bevölkerung ein (AFI 2025):

  • Sie steuern und kontrollieren die lokale Verwaltung.
  • Sie ernennen Justizbeamte und Richter.
  • Sie überwachen die lückenlose und strikte Durchsetzung der Scharia-Gesetze vor Ort.

Kritik und geopolitische Risse in der Gelehrsamkeit

Während die herrschenden Olama in Kandahar und Kabul ihre drakonischen Dekrete – wie das totale Bildungsverbot für Frauen und Mädchen – als „rein islamisch“ deklarieren, stehen sie international unter massivem Rechtfertigungsdruck. Menschenrechtsorganisationen werfen dem Regime eine bewusste politische Instrumentalisierung der Religion vor, um Machtstrukturen abzusichern (HRW 2026).

Gleichzeitig offenbaren sich tiefe Risse innerhalb der globalen islamischen Gelehrsamkeit: Jüngst verurteilten auch renommierte ausländische theologische Gremien das erlassene Straf- und Sittenrecht der Taliban scharf als „unislamisch“ (AFI 2026). Die Kritik lautet, dass das Regime den Koran und die Sunnah falsch auslege, universelle islamische Rechte (wie das Recht auf Bildung) missachte und dadurch die afghanische Gesellschaft tief spalte (AFI 2026).

Quellen

  • AFI (Afghanistan Institute / Operational Reports): Analysen zur Rolle der Shura-e Ulema (2025/2026)
  • BBC News: Profile: Mullah Hibatullah Akhundzada (2016)
  • Cambridge University Press / Academic Journal: The Transformation of Islamic Governance in Afghanistan (2025)
  • Daudzai, A.: The State and Clergy in Afghan History (2016)
  • HRW (Human Rights Watch): World Report 2026: Afghanistan & Women’s Rights (2026)
  • Poya, A.: Die Rolle der Olama in der politischen Transformation Afghanistans (2012)